Localwürstchens Tagebuch

Ich muß nicht über meine Gefühle sprechen — ich blogge.

Ode an die analoge Photographie

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Ich sitze hier und warte auf den Postboten.
Das klingt initial ganz schön verfänglich, hat aber einen trivialen Grund: gestern erreichte mich die Versandbestätigung meines neuesten Schmuckstückes, einer schicken nagelneuen Nikon. Und da die Haustürklingel — ja, immernoch, liebe Nachbarn, ich werd’ mich darum kümmern, bald schon — defekt ist traue ich mich nun nicht, den Fernseher oder das Radio einzuschalten; ich könnte ja das Klopfen des Postboten überhören.

Voigtländer Vito IIDie Neue ist eine analoge Spiegelreflex; viele belächeln mich für diese Entscheidung, aber ich steh’ dazu. Für Außenaufnahmen hat sich die Voigtländer Vito II als treuer Kumpel erwiesen, aber für Innenaufnahmen, die Blitz erfordern, ist das auf Dauer gesehen nichts; zwar habe ich einen Ticky Fächerblitz, aber so ganz praktikabel ist das nicht — zumal ich keine geladene 22.5V-Blockbatterie mehr habe ;)

Ich sitze umständehalber die meiste Zeit des Tages am Rechner, und meine Gesundheit dankt mir das nicht; so ist es in jeder Hinsicht gut für mich, die Kamera zu schnappen und auf Entdeckungstour zu gehen, meist allein, machmal mit anderen.

Das ist mein eigentlicher Grund, weshalb ich die analoge Photographie der digitalen vorziehe: ich will eben weg vom Rechner. Und nicht meine Kamera mit Firmware-Updates glücklichstellen. Nicht meine Photos von $SPEICHERMEDIUM auf Rechner übertragen. Nicht für Backups sorgen. Nicht jedes einzelne Photo so lange nachbearbeiten, bis man es sich ansatzweise anschauen kann.

Nikon F75Ich mag nachbearbeitete Photos nicht; man sieht auch, wenn herummanipuliert wurde. Insbesondere mag ich entfärbte Digitalphotos nicht — und das ist ein weiterer Grund, weshalb ich meinen analogen Filmen treu bleibe: es gibt einfach keine Graustufen-CCDs. Die wirklich kontrastreichen, die wirklich guten Schwarzweiß-Aufnahmen gelangen mit oben genannter Voigtländer (die normale Kleinbildfilme belichtet) oder aber der Lomo (Rollfilm, quadratische Abzüge).

Meine arme Oma habe ich dauernd zum Anschauen der Photoalben verdonnert — ihrer Photoalben, wohlgemerkt. Aufnahmen von Verwandten (“Ja, die war auch als Kind schon so häßlich…”) und Festtagen (“Der Nachtisch war einfach klasse!”), irgendwelchen Orten (“Bäh, da war’s heiß und ich hatte Kopfweh!”) und Dingen (“Der Simca war ein tolles Auto!”). So lernte ich eine Menge — auch über die Zeiten, in denen die jeweiligen Aufnahmen entstanden waren.

Photos als Erinnerungsträger; damals ein Informationsmedium, welches Ost und West verband. Auch meiner Oma haben solche Nachmittage Spaß gemacht; hätte ich versucht, ihr einen Laptop auf den Schoß zu stellen, hätte sie mich schlicht für verrückt erklärt.

Und nicht ganz zu unrecht; gemeinsam über aufgeschlagene Alben gebeugt, herausgefallene Bilder auf der Suche nach eventuellen Vermerken und Kommentaren auf der Rückseite herumdrehend, die Köpfe zusammensteckend und mit ausgestrecktem Finger auf Details deutend — keine Diashow der Welt hätte uns diese Atmosphäre bieten können.

Klar kann man auch Digitalbilder ordentlich auf Photopapier ziehen lassen; ehrlichgesagt kenne ich niemanden, der das tun würde. Ich selbst bin auch zu faul dazu — ich hab ja alles auf der 160er Platte, was brauche ich Abzüge?

In der Gesamtheit betrachtet geht der Welt etwas verloren. Daher spreche ich mich hier einmal ganz deutlich für die analoge Photographie aus.

Amen 0)

Author: localwurst

Ich bin… weiblich. Baujahr 1980. Systemadministrator. Hobby-Photograph. Handarbeits-Freak. Mama. »Die wallende Mähne[tm]«. Nachteule. Urban explorer.

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