Irrtum

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Ekstatische Stimmung, frenetisches Geschrei, Jubel — jubelnde Massen, vereint in beglückender Gemeinschaft, »Wir-Gefühl«, Partystimmung. Die EM schlägt ein wie eine Bombe, »Deutschland — ein Sommermärchen, die Zweite«. Äußert man sich negativ über den vorherrschenden Ausnahmezustand, macht man sich sehr schnell unbeliebt.

Also mache ich mich jetzt unbeliebt: ich hasse diesen Hype, dieses hirlose Hinterhergerenne, diese Fröhlichkeit, die quasi befohlen wird — und fast jeder folgt der Aufforderung klaglos. Kein Werbespot kommt mehr ohne Fußball, Strickschal und verschwitztes Brusthaar aus, Meta-Fußballer-Promis werben für nahezu jeden denkbaren Artikel des täglichen Lebens, stammeln Interviews in alle sich bietenden Kameras — schon zum Frühstück. Grundloses Hupen, ein Verstoß gegen die StVO — jetzt wird es toleriert wie die im Kreis umherfahrenden Autos, die um Mitternacht die schlafenden Berufstätigen aus dem Bett reißen, und für all dies wird Verständnis eingefordert. Und auch, daß es sich hier teilweise um massive Störungen, sogar Gefährdungen handelt, ist egal. Hey, ist doch EM…

Die Masse der von den Fensterbrettern hängenden Flaggen erinnert mich allenfalls an Schwarzweißbilder aus dem Geschichtsbuch, und die Fernsehbilder vom Fußball-Event in Berlin gestern abend jagten mir einen Schauer über den Rücken; wieviele von ihnen hätten sich wegen einer politischen Demonstration hier hin gestellt? Welches Interesse hätten die Medien einer solchen Demonstration entgegengebracht? Man muß sie nichteinmal zwingen, sich bunte Striche ins Gesicht zu malen und unartikuliert zu brüllen — sie tun es freiwillig.

Ich unterstelle, daß den meisten sogar der Sport an sich völlig egal ist, hier geht es in erster Linie ums Feiern — jeder andere Grund wäre ähnlich willkommen, aber die EM, von den Medien gepusht bis zum Abwinken, macht es einfach. Dabei sind wir noch immer in Deutschland, und es ist die deutsche Flagge, die an Fenstern, Autos, sogar Motorrollern herumwedelt. Wir sind noch immer in Deutschland, dem Land der politischen Unsicherheiten, der massiv steigenden Energie- und Lebensmittelpreise, dem Land der 1€-Jobs und gefälschten Statistiken, dem Land der extremen Steuerbelastungen, der irrationalen Gesetzgebung, der stetig wachsenden Armut in der Bevölkerung und der steigenden Obdachlosenzahlen.

Noch immer Deutschland. Brot und Spiele. Haben wir Grund zum Feiern?

Ich stehe abseits und betrachte sie, meine Mitbürger, denen ich mich gerade noch weniger zugehörig fühle als sonst schon. Aber dann stochere ich in meiner Blogrolle, und ich entdecke diesen Artikel; und an den Kommentaren erkenne ich, daß ich vielleicht doch nicht ganz allein stehe mit meiner Meinung…

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