Localwürstchens Tagebuch

Ich muß nicht über meine Gefühle sprechen — ich blogge.

Kamerad oder Spielzeug?

»Du und die Mädchen«

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Das Gebäude steht seit etwa 20 Jahren leer und ächzt im Wind; die Fenster sind gesprungen und blind, die Wände faulig von der stetig einsickernden Feuchtigkeit. Doch das Heft ist in tadellosem Zustand, 10 Pfennige kostete es damals, und wann »damals« war läßt sich nicht wirklich feststellen — es fehlt die Jahreszahl. Verfaßt in Fraktur 1 richtet es sich an den »jungen Arbeitsmann« und redet ihm eindringlich ins Gewissen, seinen Umgang mit dem weiblichen Geschlecht betreffend.

Ich habe Seite für Seite abfotografiert, denn ich möchte es für die Nachwelt erhalten. Lest es, und vielleicht geht es Euch wie mir: Ihr werdet lächeln, Ihr werdet stellenweise laut lachen, weil Euch das Geschriebene so fremdartig erscheint. Aber vielleicht wird Euch auch manches nachdenklich stimmen.

Die restlichen Kapitel folgen so nach und nach. Viel Spaß beim Lesen!

Kamerad oder Spielzeug?Sind die nicht heute vielfach der Gesprächsstoff unter euch Jungen? Man braucht ja nur die Ohren offen zu halten. Fast überall das Thema: Mädchen.
Ob es immer so gewesen? Jedenfalls tritt in gewissem Lebensalter das Mädchen in den Gesichtskreis von euch Jungen. Dan heißt es für Euch: Stellung nehmen. So oder so.

Ich habe nun eine Frage an Dich. Eine heilige Frage, die du nicht ernst genug nehmen kannst. Denn die Antwort darauf zeigt mir, wes Geistes Kind du bist. Die rechte Stellung zum Mädchen ist ein Gradmesser der sittlichen Kultur des einzelnen.
Nun, wie denkst du über das Mädchen? — Vielleicht geringschätzig? Ohne Hochachtung? — Ach, du müßtest die Mädchen mal kennenlernen! Ihr Gehaben. Ihr Getue. Ihr Gerede.
Wie denkst du über sie? Verächtlich? Weil du nur Getäuschte und Enttäuschte hast sprechen hören. Oder gar gemein? Gar in schmutzigen Bildern? Nach den Reden leichtfertiger oder sittenloser Kameraden?

Ich weiß wohl, mein Freund, daß die Mädchen von heute viel von ihrer Eigenart und Würde verloren haben. Durch den Zeitgeist. Durch das Zusammenarbeiten mit dem männlichen Geschlecht. Das Zurückhaltende, echt Frauliche, Ehrfurcht Gebietende und Erzwingende findest du wenig mehr. Doch willst und kannst du ihnen die Achtung vor ihrer weiblichen Würde nicht wiedergeben? Oder willst du sie noch tiefer stoßen?

Überhaupt. Wie benimmst du dich gegen das weibliche Geschlecht? Es ist eben oft so. Wie man in den Wald hinein ruft, so schallt es heraus. Trittst du ihm männlich ernst und zurückhaltend und doch freundlich und höflich gegenüber? So, wie es sich ziemt für einen jungen Mann, der eine gute Kinderstube genossen hat. Behandelst du sie ritterlich? Wie ein mittelalterlicher Ritter, der mit seinem Schwerte für das schwache Geschlecht kämpfte? Dessen starker Schild Frauenehre schützte? Schützt du sie auch? Vor anderen, die sie mit Füßen treten? Auch vor dir selbst? Dem Tier in dir?
In welcher Sprache und Tonart sprichst du vom Mädchen und über das Mädchen? In der Sprache der Straße? Der Gosse? Des Flegels oder des Stutzers 2, des Weibergecken? Des Jungen ohne Mark und Knochen, ohne feste, gediegene Grundsätze? Und duldest du in deiner Gegenwart eine solche Sprache? Und schweigst dazu?

Was siehst du im Mädchen? Die Geschlechtsgenossin der guten Mutter? Deiner Schwester daheim? Also etwas, vor dem du Achtung, tiefe Ehrfurcht haben mußt? Oder siehst du ihn ihr ein Spielzeug zum Zeitvertreib oder zu noch Schlimmerem? Mit dem du dir die Zeit, nein die Seele, dein besseres Ich totschlägst –

Sag, Freund, wie ist deine Stellung zum Mädchen?…

  1. Wie ist das eigentlich bei Euch — könnt Ihr Fraktur bzw. Sütterlin problemlos lesen/schreiben?
  2. Hier war der Text kaum noch leserlich.

Author: localwurst

Ich bin… weiblich. Baujahr 1980. Systemadministrator. Hobby-Photograph. Handarbeits-Freak. Mama. »Die wallende Mähne[tm]«. Nachteule. Urban explorer.

11 Comments

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  2. coole reihe!! also, ich kann fraktur problemlos lesen, sütterlin nicht so einfach. schreiben beides nicht [kann man fraktur schreiben? ich dachte, das hat man nur gedruckt verwendet..], leider.

  3. Das ist eine gute Frage, Du; ich meine, sicherlich kann man irgendwie Fraktur schrieben, die Mönche haben das ja schließlich auch gemacht; in der Tat war es aber, glaube ich, nicht üblich so im Hausgebrauch.

    Bei Sütterlin kommt’s ganz arg darauf an, wer es wie schreibt; ich kann die Kriegs-Korrespondenzen meiner Urgroßeltern gut lesen, aber die Briefe von meinem Opa sind für mich ein einziges großes Fragezeichen…

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